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Wegzugsbesteuerung (§ 6 AStG) mit Zahlen erklärt

Du ziehst weg und hältst 1 % oder mehr an einer Firma? § 6 AStG besteuert die stillen Reserven. Wen es trifft, wie gerechnet wird, Raten und Rückkehr.

Die meisten Steuern brauchen einen Vorgang: Du verkaufst, du verdienst, du erbst. Die Wegzugsbesteuerung braucht nur einen Umzugswagen. Hältst du eine nennenswerte Beteiligung an einer Kapitalgesellschaft und gibst deine deutsche Ansässigkeit auf, tut Deutschland so, als hättest du deine Anteile am Tag vor der Abreise verkauft – und schickt die Rechnung.

Die Logik dahinter: Deutschland will den Wertzuwachs besteuern, der entstanden ist, während du hier gelebt hast – bevor ein DBA das Besteuerungsrecht für einen späteren Verkauf deinem neuen Land zuweist. Theoretisch fair. Praktisch schmerzhaft, denn es gibt keinen Verkauf und damit kein Geld.

Dieser Guide beschreibt die Rechtslage im September 2026, nach der großen Reform 2022. Allgemeine Informationen, keine Steuerberatung.

Wen es trifft

§ 6 AStG greift, wenn im Zeitpunkt des Wegzugs alles davon zutrifft:

VoraussetzungWas das heißt
Du hältst Anteile im Sinne von § 17 EStGMindestens 1 % am Kapital einer Kapitalgesellschaft, unmittelbar oder mittelbar, irgendwann in den letzten fünf Jahren. GmbH, UG, AG – aber auch ausländische Kapitalgesellschaften wie eine zyprische Ltd, eine estnische OÜ oder eine FZ-LLC in Dubai
Lange Ansässigkeit in DeutschlandMindestens sieben Jahre unbeschränkte Steuerpflicht innerhalb der letzten zwölf Jahre (seit der Reform 2022; vorher insgesamt zehn Jahre)
Ein auslösendes EreignisMeist: Deine unbeschränkte Steuerpflicht endet, weil du Wohnsitz und gewöhnlichen Aufenthalt in Deutschland aufgibst

Nicht betroffen: Streubesitz unter 1 % (ETFs und ein paar Apple-Aktien – darauf gibt es keine Wegzugsteuer, ein späterer Verkauf ist grundsätzlich Sache deines neuen Landes). Personengesellschaften (GmbH & Co. KG, GbR) unterliegen eigenen Entstrickungsregeln im Betriebsvermögen, nicht § 6 AStG.

Die 1-%-Schwelle ist niedriger, als die meisten denken. Eine Gründerin, die nach drei Finanzierungsrunden noch 3 % an ihrem Start-up hält, ist drin. Genauso jeder, dem 100 % einer Ein-Personen-GmbH gehören.

Was die Steuer auslöst

Der klassische Auslöser ist der Wegzug: Du gibst Wohnsitz und gewöhnlichen Aufenthalt in Deutschland auf, und deine unbeschränkte Steuerpflicht endet. Wie das genau funktioniert, steht in Deutschland verlassen.

Es gibt aber weitere Auslöser:

  • Schenkung oder Erbschaft der Anteile an jemanden, der in Deutschland nicht unbeschränkt steuerpflichtig ist.
  • Die DBA-Ansässigkeit wandert ins Ausland. Behältst du einen deutschen Wohnsitz, giltst aber nach einem Doppelbesteuerungsabkommen als im anderen Staat ansässig, verliert Deutschland womöglich das Besteuerungsrecht für einen späteren Verkauf. Das kann die Wegzugsbesteuerung auslösen, obwohl du formal noch unbeschränkt steuerpflichtig bist.
  • Andere Fälle, in denen Deutschland das Besteuerungsrecht am Veräußerungsgewinn verliert, etwa bestimmte Übertragungen in ausländische Strukturen.

So wird die Steuer berechnet

Das Gesetz fingiert einen Verkauf deiner Anteile zum gemeinen Wert im Zeitpunkt des Wegzugs. Ab da ist es eine normale Rechnung nach § 17 EStG:

  1. Gemeiner Wert deiner Anteile am Tag des Wegzugs.
  2. Minus Anschaffungskosten (Kaufpreis der Anteile plus Einlagen).
  3. = Fiktiver Veräußerungsgewinn.
  4. Teileinkünfteverfahren: Nur 60 % des Gewinns sind steuerpflichtig (§ 3 Nr. 40 EStG).
  5. Besteuerung mit deinem persönlichen Einkommensteuersatz, bis 45 % plus 5,5 % Solidaritätszuschlag auf die Steuer, plus Kirchensteuer, falls du sie zahlst.

Beim Spitzensteuersatz ergibt das rund 28 % des Gewinns (60 % × etwa 47,5 %).

Die Bewertungsfrage

Bei börsennotierten Aktien ist der Wert einfach: der Kurs. Bei einer privaten GmbH ist der Wert der große Hebel – und der große Streitpunkt. Finanzämter nutzen oft das vereinfachte Ertragswertverfahren nach §§ 199 ff. BewG: durchschnittlicher, bereinigter Jahresgewinn der letzten drei Jahre, multipliziert mit dem festen Kapitalisierungsfaktor 13,75.

Dieser Faktor kann bei profitablen, inhabergeführten Firmen Werte ergeben, die kein Käufer der Welt je zahlen würde. Du darfst einen niedrigeren Wert nachweisen, etwa durch einen zeitnahen Verkauf an Dritte oder ein Sachverständigengutachten. Bei einer kleinen Firma mit hohen Gewinnen, deren Gründer das ganze Geschäft ist, ist dieses Argument oft richtig viel Geld wert.

Rechenbeispiel

Clara hat 2014 eine GmbH mit 25.000 € Stammkapital gegründet. Sie hält 100 %, hat ihr ganzes Leben in Deutschland gelebt und zieht 2026 nach Zypern. Die GmbH ist 1.025.000 € wert.

SchrittBetrag
Gemeiner Wert1.025.000 €
Anschaffungskosten–25.000 €
Fiktiver Gewinn1.000.000 €
Steuerpflichtiger Teil (60 %)600.000 €
Einkommensteuer nach Tarif 2026 (ledig, keine weiteren Einkünfte)ca. 250.500 €
Solidaritätszuschlag (5,5 % der Steuer)ca. 13.800 €
Wegzugsteuer gesamtca. 264.000 €

Bei sieben Jahresraten sind das rund 37.700 € pro Jahr. Die groben Zahlen basieren auf dem Einkommensteuertarif 2026 für eine ledige Person ohne weitere Einkünfte und ohne Kirchensteuer; deine Zahlen werden abweichen.

Zum Vergleich: Hätte Clara die GmbH stattdessen verkauft, würde die Steuer genauso berechnet. Die Wegzugsteuer ist nicht höher als bei einem Verkauf – sie kommt nur ohne das Geld eines Käufers.

Zahlung: Raten und Sicherheiten seit 2022

Die Reform 2022 (das ATAD-Umsetzungsgesetz, ATADUmsG, anwendbar auf Wegzüge nach 2021) hat die Zahlungsregeln komplett umgebaut.

Vor 2022: Ein Umzug in einen anderen EU-/EWR-Staat bedeutete zinslose, unbefristete Stundung. Gezahlt wurde nur bei einem tatsächlichen Verkauf. Bei einem Umzug in einen Drittstaat war die Steuer fällig, mit der Option, sie über fünf Jahre zu strecken.

Seit 2022: Ein Regime für alle.

  • Auf Antrag kann die Steuer in sieben gleichen Jahresraten gezahlt werden, zinslos.
  • Das Finanzamt verlangt in der Regel eine Sicherheitsleistung (Bankbürgschaft, Verpfändung der Anteile o. Ä.), es sei denn, es sieht den Steueranspruch nicht als gefährdet an.
  • Die restlichen Raten werden sofort fällig, wenn du die Anteile verkaufst oder überträgst, die Gesellschaft hohe Beträge ausschüttet (Gewinnausschüttungen oder Einlagenrückgewähr über bestimmten Grenzen), du eine Rate versäumst oder insolvent wirst.

Das alte EU-Privileg ist weg. Deshalb kommst du bei der Wegzugsbesteuerung in Zypern, Malta oder Portugal nicht mehr günstiger weg als in Dubai.

Zurückkommen: die Rückkehrregelung

Gehst du nur vorübergehend, kann die Steuer wegfallen. Nach § 6 Abs. 3 AStG gilt:

  • Wirst du innerhalb von sieben Jahren nach dem Wegzug wieder unbeschränkt steuerpflichtig, entfällt der Steueranspruch.
  • Das gilt nur, wenn die Anteile zwischenzeitlich nicht verkauft, übertragen oder anderweitig „verbraucht“ wurden – etwa durch hohe Ausschüttungen.
  • Die sieben Jahre können auf Antrag um bis zu fünf Jahre verlängert werden, wenn du nachweist, dass deine Abwesenheit beruflich bedingt ist und deine Rückkehrabsicht fortbesteht.

Das Finanzamt kann zwischenzeitlich Sicherheiten verlangen, und bestimmte Änderungen musst du melden. Seit 2022 gilt diese Rückkehrregel gleich, egal ob du nach Österreich oder nach Australien gegangen bist.

Nützlich ist das für befristete Auslandsentsendungen oder ein Sabbatical mit Plan. Ein Schlupfloch für Leute, die für immer gehen wollen, ist es nicht: Die Rückkehrabsicht musst du belegen, nicht nur behaupten.

EU/EWR vs. Drittstaaten nach der Reform

Vor 2022Seit 2022
Umzug in EU/EWRZinslose Stundung, keine Sicherheit, Steuer erst bei Verkauf7 Raten, meist gegen Sicherheit
Umzug in einen Drittstaat (z. B. VAE, Schweiz, USA)Steuer fällig, optional 5 Raten gegen SicherheitWie EU: 7 Raten, meist gegen Sicherheit
Rückkehr innerhalb der FristWegfall nur bei vorübergehender Abwesenheit (5 Jahre, verlängerbar)Wegfall für alle: 7 Jahre, um bis zu 5 verlängerbar
Erforderliche AnsässigkeitInsgesamt 10 Jahre unbeschränkte Steuerpflicht7 Jahre innerhalb der letzten 12

Ist das neue Regime mit EU-Recht vereinbar? Das ist umstritten. In der Rechtssache Wächtler (C-581/17, 2019) hat der EuGH entschieden, dass die alte deutsche Regel, die bei einem Umzug in die Schweiz keine Stundung zuließ, gegen das Freizügigkeitsabkommen EU–Schweiz verstieß. Ob das Regime seit 2022 mit Raten und Sicherheiten vor den EU-Grundfreiheiten besteht, wird in der deutschen Steuerrechtsliteratur weiter diskutiert. Bau deinen Plan nicht darauf, dass du diesen Prozess gewinnst.

Gestaltungsideen (die legale Sorte)

Planung rund um die Wegzugsbesteuerung ist Timing plus Struktur. Alles hier muss eine deutsche Steuerberaterin oder ein Steuerberater für deinen konkreten Fall umsetzen – das sind Ideen für den Tisch, keine Do-it-yourself-Liste.

  • Prüf die sieben von zwölf Jahren. Wer vor sechs Jahren nach Deutschland kam, ist nicht betroffen. Ein Wegzug vor Ablauf des siebten Jahres kann entscheidend sein.
  • Bring die Bewertung in Ordnung. Bereite vor dem Wegzug eine Dokumentation für einen realistischen Wert vor. Ein belastbares Gutachten ist oft der größte einzelne Hebel.
  • Denk über die Einbringung in ein deutsches Betriebsvermögen nach. Anteile im Betriebsvermögen einer gewerblichen deutschen Personengesellschaft (einer GmbH & Co. KG mit echter gewerblicher Tätigkeit) fallen unter bestimmten Voraussetzungen nicht unter § 6 AStG. Ob das funktioniert – und ob § 50i EStG oder spätere Gesetzesänderungen dazwischenfunken – ist hochtechnisch.
  • Verkauf vor dem Umzug, wenn ohnehin einer ansteht. Planst du in ein, zwei Jahren zu verkaufen, kann ein Verkauf in Deutschland zu denselben Steuerkosten, aber mit Geld auf dem Konto, besser sein als eine Wegzugsteuer ohne Geld.
  • Nutz die Rückkehrregel bewusst, wenn dein Auslandsaufenthalt wirklich vorübergehend ist. Dokumentier die beruflichen Gründe ab Tag eins.
  • Denk an Schenkungen. Die Schenkung von Anteilen an in Deutschland lebende Kinder löst für sich genommen keine Wegzugsbesteuerung aus, und die Schenkungsteuer-Freibeträge (400.000 € pro Kind und Elternteil alle zehn Jahre) können helfen. Immer zusammen mit der Erbschaftsteuerplanung denken, nicht isoliert.
  • Lass die Firma nicht führungslos zurück. Eine deutsche GmbH, die du nach dem Umzug aus dem Ausland leitest, wirft eigene Fragen auf. Und deine neue Firma im Ausland darf nicht aus Deutschland geführt werden: siehe Ort der Geschäftsleitung.

Was nicht funktioniert: es einfach nicht erklären. Der Umzug selbst, deine Abmeldung und die CRS-Meldungen deiner neuen Bank machen deinen Wegzug sehr sichtbar. Die Wegzugsteuer wird in deiner letzten deutschen Steuererklärung festgesetzt.

Wie das ins große Ganze passt

Die Wegzugsbesteuerung ist ein Baustein des deutschen Wegzugs. Die anderen: die Ansässigkeit sauber beenden (Deutschland verlassen), die erweiterte beschränkte Steuerpflicht bei Umzügen in Niedrigsteuerländer und – wenn du im Ausland eine neue Firma gründest – die Hinzurechnungsbesteuerung für alle, die noch mit Deutschland verbunden sind.

Für Zielländer schau in die Länder-Guides und die Übersicht Steuern optimieren. Alles hier sind allgemeine Informationen, keine Steuer- oder Rechtsberatung.

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Quellen

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